Von , 13.10.2020

Fehlbar und menschlich

Immer mehr Konzerte werden abgesagt und stattdessen gestreamt. Für Trompeter Simon Höfele ist das ein schlechter Kompromiss. Warum, erklärt er in seiner Kolumne.

Seit Wochen und Monaten werden Live-Konzerte und Kulturveranstaltungen, die teilweise schon lange geplant waren, abgesagt oder in kleinere Formate umgewandelt. Nicht selten finden sie dann als rein gestreamte Konzerte ohne Publikum statt. Aus Künstler:innensicht können solche Konzerte ohne Zuhörer:innen aber allerhöchstens ein grober Kompromiss, eine absolut letzte Notlösung vor der kompletten Absage sein. Ein Konzert zu streamen oder im Stream zu sehen fühlt sich an, als würde man im Sternerestaurant anstelle des Menüs nur Fotos von den fantastisch zubereiteten Gerichten gezeigt bekommen – und nichts, was am Ende wirklich den Hunger stillt.

Wer steht für die klassische Musik, für das unmittelbare Live-Konzert ein, das alle im selben physischen Raum erleben?

Und dabei steht auch noch etwas wirklich Wichtiges auf dem Spiel: nämlich die Musik selbst und mir ihr, pathetisch ausgedrückt, ein elementarer Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Ohne Pathos, ohne Emotion und Leidenschaft gibt es keine Kunst und keine Kultur – und keinen Zusammenhalt in der Gesellschaft.
Natürlich ist ein ausgeklügeltes Hygienekonzept wichtig, denn es schützt die Gesundheit aller Beteiligten, egal, ob auf der Bühne oder im Publikum. Beides muss oberste Priorität haben. Allerdings wünsche ich mir als Künstler im aktuellen kulturellen Geschehen eine größere Lobby. Wer steht für die klassische Musik, für das unmittelbare Live-Konzert ein, das alle im selben physischen Raum erleben? Bei anderen scheint es ja auch zu klappen – schließlich sind die geöffneten Restaurants und Cafés, die fahrenden Bahnen oder fliegenden Flugzeuge auch nicht zu kompletten Superspreader-Events geworden. Vielen Verantwortlichen scheint nicht vollständig bewusst zu sein, wie groß der psychologische Mehrwert der Kulturveranstaltungen für jede:n Bürger:in ist – doch ist es genau das, was uns am Ende als Menschen ausmacht.

Menschen braucht es heutzutage vor allem im Publikum. Denn auch für mich als Musiker ist es absolut essenziell, Musik für Menschen und nicht in erster Linie für eine leblose Kamera zu machen. Die bewusste und unterbewusste Verbundenheit zum Publikum – egal ob im kleinsten Hauskonzert oder in der ausverkauften Elbphilharmonie – ist für mich das wichtigste Element meines Schaffens. Mir selbst und anderen durch die Musik eine Stimme und Kraft zu verleihen, ist ein heilsames und einendes Erlebnis.

Besonders in Zeiten, in denen der amerikanische Präsident auf den Journalismus eindrischt und Rechtspopulist:innen in den Parlamenten sitzen, ist diese Einigkeit, Besonnenheit und Entschleunigung, die Konzerte bewirken können, das, was uns Zusammenhalt gibt. Das Gefühl, wenn sich Künstler:innen und Publikum auf das Gleiche konzentrieren, das gemeinsame Bewusstsein, das dabei entsteht, ist schwer zu beschreiben. Ich stelle es mir wie ein geistiges Tennisspiel vor: Jede Nuance wird vom Publikum aufgenommen und reflektiert. Und am Ende entsteht dieser magische, nicht in Worte zu fassende Live-Moment. Der Moment, den man am liebsten allen Freund:innen und der Familie erzählen möchte, für den einem aber immer die Worte fehlen. Jede:r, der:die dabei gewesen ist, weiß genau, was gemeint ist.
Dieser Moment ist umständlicher, analoger, fehlbarer als alles, was eine CD je sein könnte, und deshalb so schön unperfekt und menschlich – und genau aus diesem Grund gerade jetzt unverzichtbar. Für das Publikum. Aber mindestens genauso auch für alle Musiker:innen.

© Marco Borggreve
© unsplash.com


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